Ein Mord kommt selten allein


   Grelle Scheinwerfer eines Kleinwagens warfen lange Schatten auf den Sandweg und beleuchteten den dunklen Weg zum Haus des Apothekers im Freilichtmuseum Molfsee. Die Reifen knirschten, als sie über den Sand rollten. Eine Frau mittleren Alters, mit langen roten Haaren, stieg aus dem gelben Polo, den sie zwischen den alten Bäumen an der Rückseite des Hauses parkte. Fröstelnd zog sie ihre Schultern hoch, die von einem Kunstpelz umhüllt waren, als sie die Tür des Polos leise schloss. Nur nicht mehr Lärm als erforderlich machen. Wieder einmal suchte sie den Schlüssel, der stets einen besonderen Platz in ihrer Handtasche hatte. Dieses Mal jedoch vergebens, vermutlich hatte sie ihn zuhause vergessen. Zum Glück gab es einen Ersatzschlüssel. Die Frau stellte sich auf die Zehenspitzen, um mit ihren Fingern an eine Ritze über der Tür zu gelangen. Für gewöhnlich befand er sich dort, doch nicht heute. Sollte Jochen ausgerechnet heute auch seinen Schlüssel vergessen und ihn benutzt haben? Sie lächelte, drückte die Türklinke herunter und lehnte sich mit ihrem Körper gegen die Tür, um sie aufzuschieben. Seit ihrer letzten Begegnung, freute sie sich schon auf diesen Morgen, der ihr wieder einmal die Erfüllung der Liebe bringen würde. Bei ihrem Mann fand sie die schon lange nicht mehr. Es war unnötig, das Licht anzuschalten, denn sie kannte jeden Winkel des Hauses. Im Schlafraum entledigte sie sich ihrer Kleidungsstücke, außer einem kleinen Nichts aus roter Seide und schlüpfte unter die Decke des Alkovens. Erwartungsvoll und still lag sie dort, bis sie plötzlich Schritte hörte, die langsam auf sie zukamen. Sie lachte.

„Jochen Liebling, warum so geheimnisvoll? Komm her zu mir du starker Mann.“
„Bin doch schon da“, antwortete eine leise heisere Stimme, die weiblich klang. Gisela hatte nicht die geringste Chance. Sie wehrte sich aus Leibeskräften, als das Halstuch um ihren schmalen Hals geschlungen und immer fester zugezogen wurde. Bei dem Kampf riss sie ihrer Widersacherin ein Büschel Haare aus und trat um sich. Geholfen hatte es ihr nicht, denn ihre Kräfte ließen langsam nach. Reglos, als ob sie schlief, lag sie wenig später unter der Decke ...

  






Luke MacKenzie - Auf der Suche nach dem Buch der Magie



    Ein kalter Wind wehte an einem Weihnachtsabend durch die mächtigen Wipfel der Bäume, als Lucy und Paul MacKenzie, mit ihrem Sohn Luke, auf den Pferden durch den dunklen Wald galoppierten. Sie waren auf der Flucht, auf der Flucht vor dem wohl gefürchtetsten Zauberer, den es je gegeben hatte, Assarbad. Er war ein Dämonenmeister, der seine Feinde und alle, die sich ihm in den Weg stellten, auf das Übelste quälte. Er tat es mit Flüchen und Zaubersprüchen, die den meisten von ihnen am Ende den Tod brachten. Lucy und Paul hatten sich dem Zauberer widersetzt, als dieser von ihnen verlangte, ihm ihren Sohn zu übergeben. Assarbad wusste, dass Luke ein besonderes Kind war. Ihm waren die magischen Fä-higkeiten seiner Eltern bereits in die Wiege gelegt worden. Sie hatten Angst um Luke, schon einmal hatte der Magier versucht, den Jungen zu entführen. Lucy und Paul wussten nicht wohin sie flüchten sollten, sie wollten nur weit fort mit ihrem Sohn, um diesem grässlichen Assarbad zu entfliehen. Plötzlich ver-nahmen sie aus der Ferne das Geräusch galoppierender Pferdehufe.
„Sie sind hinter uns“, rief Lucy angsterfüllt aus.
„Luke drück` dich fest an mich und dreh dich nicht um“, sagte Paul zu seinem Jungen. Sie jagten da-hin, stechende Zweige der großen Tannen peitschten Paul ins Gesicht, während er Luke fest an sich presste. Der vierjährige Junge hatte bisher nicht ein einziges Wort gesagt, doch er zitterte vor Angst und Kälte. So ganz begriff er nicht, was hier vor sich ging, jedoch vertraute er seinen Eltern. So lange sie bei ihm waren, konnte ihm nichts geschehen.
„Paul“, schrie Lucy verzweifelt. „Luke muss sich verstecken, unter dem Strauch da“, sie wies auf einen dichten Wacholderbusch. Die dumpfen Geräusche der Hufe, die sich durch den trockenen Sand kämpften und das Schnauben der Pferde waren nun deutlich zu hören.
„Hör mir gut zu, Luke. Du versteckst dich ganz schnell unter dem Busch dort. Dort wartest du so lange, bis wir dich holen. Mach deine Augen ganz fest zu!“ Paul strich seinem Jungen sanft über das Haar und ließ ihn vom Pferd, das immer noch in Bewegung war, hinuntergleiten. Der kleine Junge strauchelte im hohen Schnee, stand geschwind wieder auf und hockte sich zitternd unter den Busch. Er fror entsetzlich, obwohl seine Mutter ihn warm angezogen hatte. Wie lange sollte er hier warten? Wenn das ein Spiel sein sollte, dann wollte er, dass es schnell beendet würde.

     Lucy und Paul sahen ein, dass sie keine Chance hatten, den Reitern zu entkommen. Mehrere finstere Gestalten stellten sich ihnen in den Weg. Sie saßen auf ihren großen dunklen Pferden, und trugen schwarze Mäntel mit spitzen Kapuzen. Ihre Gesichter waren nicht zu sehen, und als eine dieser Gestalten vortrat und mit tiefer, unheilbringender Stimme zu sprechen anfing, wurde die Luft in dem dunklen Wald furchtbar schwer und Nebel kam auf. Es war Lucy und Paul nur schwer möglich zu atmen ...





Vier wie Pech und Schwefel



     Jamie schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt zur Schule, in der Hoffnung, dass seine Freunde schon dort sind. Glücklicherweise hat der Regen nachgelassen und die Sonne quält sich durch die noch dichten Wolken. Der Schulhof ist leer, er sieht sich um, keine Menschenseele zu sehen. Er sieht auf seine Armbanduhr, noch eine halbe Stunde bis zum Unterrichtsbeginn. So schwingt er sich wieder auf sein Fahrrad und radelt gemächlich wieder nach Hause. ´Komisch`, denkt er, ´wo sind die Polizisten geblieben, die vor dem Haus stehen sollten`? Am Weg steht das blaue Auto von Inspektor Bond, doch von den Männern keine Spur. Er läuft auf das Haus zu und wirft sein Fahrrad auf den Rasen. Mit zitternden Händen steckt er den Schlüssel in das Schlüsselloch und betritt das Haus. Alles ist still, Jamie rennt die Treppen hinauf, um nach Dr. Watson zu sehen, der oben im Flur leise vor sich hin schnarcht. Jamie schüttelt ihn, doch der Hund reagiert nicht. Neben ihm liegen die Reste einer Wurst. ´Nicht schon wieder`, denkt der Junge. Vorsichtig schleicht er zum Zimmer seiner Tante. Er klopft an die Tür, merkwürdige Laute kommen aus dem Raum. Jamie drückt die Klinke herunter und erschrickt. Harriet sitzt auf einem Stuhl, Hände und Füße sind gefesselt und in ihrem Mund steckt ein dicker Knebel. Das Kind stürmt auf sie zu, die Tante schüttelt den Kopf und versucht ihn zu warnen. Es ist zu spät, zwei Männer - Jamie erkennt sie sofort - sprinten auf ihn zu. Einer von ihnen wirft sich den Jungen über die Schulter. Gemeinsam poltern sie die Stufen hinunter und laufen zu ihrem Lieferwagen, der, verdeckt von dichten Büschen, hinter dem Haus steht. Jamie strampelt und schreit und hämmert mit seinen Fäusten auf die Schultern von seinem Entführer. Doch es nützt ihm nichts. Von den kräftigen Händen wird er unsanft auf die Ladefläche des Lieferwagens befördert. Gleich darauf schließt sich die schwere Schiebetür. Während sich das Fahrzeug in schneller Fahrt von dem Grundstück entfernt, kommen die Polizisten langsam wieder zu sich. Sie wurden von den Männern niedergeschlagen und richten sich jetzt benommen wieder auf. „Wie konnte uns das passieren. Bestimmt haben sie den Jungen mitgenommen! Komm, sehen wir nach der Tante.“ Der Inspektor nickt seinem jungen Kollegen zu. Die Haustür ist unverschlossen, sie laufen eilig die Stufen hinauf und wären fast über Dr. Watson gestolpert, der mitten im Weg liegt und winselt ...




Leseprobe aus dem Buch ´Rondo Veneziano`


Das Geheimnis der schwarzen Orchidee


  

     Es war ein kalter Herbsttag im Oktober, als Bill Junior auf seinem Pferd über die Wiesen und Felder ritt, um vor dem einsetzenden Winter die Zäune zu kontrollieren. Plötzlich stutzte er, vor ihm im trockenen Boden, wuchs eine Pflanze mit einer wunderschönen schwarzen Blüte. Bill sprang vom Pferd, um sie näher zu betrachten. Es war eine Orchidee, soviel verstand er von Pflanzen, jedoch eine Blüte wie diese hatte er niemals zuvor gesehen. Eine schwarze Orchidee, ob sie Unglück brachte? Bill wollte sie ausgraben, um sie seiner Mutter mitzubringen, denn sie feierte am heutigen Tag ihren 60. Geburtstag, Jessie liebte Orchideen. Hier auf dem Feld hatte sie ohnehin nichts verloren. Er grub mit bloßen Händen, die harten Stiele der Pflanze schnitten tief in seine Haut, doch die Pflanze ließ sich nicht ausgraben. Schließlich nahm er sein Taschenmesser und schnitt sie kurzerhand ab. Stolz präsentierte er sie kurze Zeit später seiner Mutter. Mit Bestürzung sah er, dass die Blüte bereits verwelkt war.
„Das ist ja eigenartig“, sagte er zu Jessie. „Ich hab´ sie grad erst abgeschnitten. Wie kann sie schon verwelkt sein?“ Augenblicklich durchzuckte ihn ein heftiger Schmerz. Er hielt seine Hände in die Höhe, zu groß war die Qual.
„Du meine Güte, Bill, was hast du mit deinen schönen Händen gemacht?“, rief seine Mutter verängstigt aus. Der junge Mann besah sich erschrocken die Hände, seine feingliedrigen Finger waren zu einem großen roten Klumpen verschmolzen. Dort wo der Pflanzenstiel tiefe Einschnitte hinterlassen hatte, hatte die Haut sich verschorft und sah noch grässlicher aus.
„Oh Gott, was ist das für ein Teufelszeug?“, rief Bill entsetzt aus und wies auf die Pflanze. Durch die Schreie von Jessie und ihrem Sohn kamen nun auch Bill Senior und die beiden anderen Brüder in die Küche gerannt. Die Orchidee lag nun schlaff auf dem Küchentisch.
„Was hast du getan, Bill?“, fragte sein Vater entsetzt, als er die verschwollenen Hände seines Erstgeborenen sah.
„Ich hab nur die Pflanze abgeschnitten. Was ist schon dabei? Es ist doch nur eine Pflanze.“
„Wo hast du sie gefunden? Sag schon, es ist wichtig.“ Bill überlegte einen Moment.
„Auf dem Feld, beim ehemaligen Viehgatter. Sie wuchs mitten im Feld.“ Das Gesicht seines Vaters erstarrte. War jetzt die Zeit gekommen?